Der Herzschlag des Holzes

Ein Gang durch die Schnitzschule

von Christoph Merker

Zur Schnitzschule kommt man ganz automatisch. Besser gesagt fährt man durch sie hindurch, doch dazu später mehr.
Nein, die Frage ist, was ist die Schnitzschule? Eine Ansammlung von langsam zusammengewachsenen Gebäuden, eine 160-jährige Tradition oder eine bloße Berufsfachschule, also kurz gesagt, eine Schule wie jede andere auch? Mit Lehrern und Schülern und Unterricht und Noten und Zeugnissen und allem, was halt zu einer Schule dazugehört?

Was ist die Schnitzschule? Auf diese Frage kann jeder, der mit ihr oder in ihr zu tun hatte, lernte oder lehrte, eine eigene Antwort darauf geben. Ich will nicht verheimlichen, dass diese hier angestellte Antwortsuche meine Antwort auf die Frage ist und damit von vornherein ihr jegliche Allgemeingültigkeit abzusprechen ist. Doch schauen wir uns die Schnitzschule einfach näher an. Versuchen wir, durch das Betrachten der Äußerlichkeiten ein wenig den Geist und die Seele der Schule zu erhaschen.

Nach außen präsentiert sich die Schule mit dem Ausstellungsraum. Ursprünglich von Direktor Kiendl erbaut, um die Sammlung der Schnitzschule, aus der das Heimatmuseum entstand, unterzubringen und auszustellen. Heute ist es wieder eine Sammlung. Angesammelt haben sich die Arbeiten der Holzbildhauer und der Schreiner. Wobei die Werke der Schreiner unterrepräsentiert sind. Das ist nicht böse Absicht, es liegt in der Natur des Berufes, dass der Schreiner hauptsächlich Auftragsarbeiten anfertigt, die dann in den Stuben von Berchtesgaden und Umgebung stehen und dort, im privaten Rahmen sozusagen, für die Schnitzschule werben. Daher das leichte Übergewicht an bildhauerischen Werken.

Das Sekretariat ist eine wichtige Schaltzentrale in der Schule und Renate Wembacher und Conny Hillebrand organisieren hier vieles, das man von außen gar nicht mitbekommt.

Als Schüler strebt man regelmäßig hinauf in den ersten Stock, vorbei am Direktorat. Hier herrscht Schulleiter Norbert Däuber. Allerdings ist er nur äußerst selten dort anzutreffen, denn wenn er nicht gerade unterrichtet, sorgt er unermüdlich für einen guten Ablauf des Schullebens.

Hier im ersten Stock befinden sich die Theorieräume, bestehend aus dem Computerraum und dem Klassenzimmer für den theoretischen Unterricht. Das Skelett im Theorieraum brauchen die Schnitzer, um ein wenig Anatomie zu betreiben. Leichen aber wird, um das Verständnis des menschlichen Körpers zu vertiefen, nicht seziert. Was den Schnitzern das Skelett, sind den Schreinern ihre Fenster- und Türmodelle. An ihnen erklärt der Fachtheorielehrer Franz Agapitus Bankosegger die Anschläge, Fälze und Beschläge. Hinten im Schrank sind diverse Materialproben, Modelle von Zapfenverbindungen und von den anfangs etwas gefürchteten Schwalbenschwänzen.

Unterm Dach liegt der Zeichensaal im Theoriegebäude. Hier wird Entwurf unterrichtet. Auf einem Dachbalken hat sich ein kleiner Friedhof angesammelt. Modelle von Gräbern bilden ein stilles momento mori. Oder sie erinnern die Bildhauer daran, dass Grabgestaltung ein mögliches Betätigungsfeld sein kann. Das Entwerfen ist nicht so einfach, weder für den Bildhauer, aber auch nicht für den Schreiner. Der ehemalige Direktor Hans Richter sagte immer: „Machts noch ein Entwurf und noch ein Entwurf. Gebt euch nicht zu schnell zufrieden.“ Die eigene Kreativität austesten und die eigenen Schranken im Kopf überwinden, das kann man hier oben lernen.

Damit wäre unser Rundgang im theoretischen Teil der Ausbildung fast abgeschlossen. Hinunter durch das Treppenhaus mit seinem grünen Geländer und den Bildern der ehemaligen Direktoren geht man rechts den Gang entlang in Richtung der Schreiner. Zwei wichtige Räume liegen hier.
Einerseits ist es die Bibliothek, die viel geistige Anregung bereit hält. Bücher anzuschauen ist eine gute Schule des Sehens und eine Quelle der Inspiration, die leicht verfügbar ist.
Eines der wichtigsten Zimmer liegt gleich der Bibliothek gegenüber. Es ist die Werkstatt von Hausmeister Sebastian Grüsser. Ohne ihn würde die Schule zusammenbrechen. Nicht sofort, sondern nach und nach. Denn nichts würde repariert werden und niemand würde sich dem schleichenden Verfall entgegenstemmen.

Im Hof vor dem Schreinergebäude weist eine große Hand auf das, was für die Schule und die Ausbildung am wichtigsten ist - das Handwerk. Mit den eigenen Händen etwas zu tun, birgt einen unglaublichen Glücksmoment in sich. Wenn der Span sich einwandfrei aus dem Hobel kringelt, wenn die Schwalbenschwänze nicht zu leicht und nicht zu fest, richtig eben, ineinanderflutschen, dann ist das ein perfekter Moment. Hand-werk macht glücklich. Freude darüber zu erleben, etwas gut zu machen und dabei noch den wunderbaren Werkstoff Holz in der Hand zu haben, diese Faszination begleitet den Menschen schon sehr lange auf seiner Reise durch die Zeit. Doch bis es soweit ist, dazu braucht es ein wenig Übung. Diese bekommen die angehenden Schreinerinnen und Schreiner in den Werkräumen. Drei Klassen gibt es, jede wird von ihrem Fachlehrer durch die drei Jahre begleitet.

Unten links ist der Bankraum von Fachlehrer Jürgen Gasteiger. Es schaut aus wie in einer großen Werkstatt. Nur die Schultafel zeigt, dass es sich eigentlich um einen Klassenraum handelt. An den Hobelbänken wird jegliche Handarbeit ausgeführt. Jeder Schüler und jede Schülerin hat seine eigene Hobelbank und einen Werkzeugschrank. Darinnen sind die Höbel, die Stechbeitel, Schraubendreher und die Ziehklinge untergebracht, die scharf zu bekommen eine Wissenschaft für sich ist. In der Furnierpresse werden die dünnen Holzfurniere aufgeleimt und im Lackierraum gegebenenfalls die Möbel lackiert. Je nach Wunsch des Kunden.

Im Bankraum von Rochus Sebold riecht es gerade intensiv nach Öl und Wachs. Eine Eckbank ist eingelassen worden. Sie wird im Watzmannhaus eingebaut werden und müden Wanderern zur Rast dienen. An einem Ständer hängen die Zwingen aufgereiht parat. Wenn es ans Zusammenleimen geht, dann sind sie sehr gefragt und zur Zeit des Gesellenstückes werden sie schnell mal Mangelware.

Unten wie oben gibt es einen Maschinenraum. Hier stehen die Kreissägen, die Fräsen, die Hobelmaschinen und Schleifmaschinen. Bevor die Schülerinnen und Schüler damit arbeiten dürfen, müssen sie einen Maschinenkurs absolviert haben. Die bei den Maschinen anfallende Späne wird über eine leistungsstarke Absauganlage eingesaugt und zu Spänebriketts gepresst. Diese halten so manchen Schüler und so manche Schülerin den Winter über warm.

Wo gehobelt wird, fallen nicht nur Späne, sondern die Hobelmesser werden auch mit der Zeit stumpf. Darum gibt es einen Schärfraum. Die langen Hobelmesser der Abrichte müssen per Hand abgezogen werden. Eine recht langwieriges Unterfangen, das konzentriert ausgeführt werden muss. Einerseits um die Schneide scharf zu bekommen, andererseits, um sich aus Unachtsamkeit nicht zu schneiden.

An den Maschinenraum schließt der Bankraum von der Klasse von Bernhard Wimmer an. Sind es im ersten Schuljahr noch kleinere Sachen, die hergestellt werden, so werden die Möbel im Laufe der Zeit immer größer. Selbst große Orgeln sind in der Schule schon hergestellt worden.

Die kleine Teeküche sei noch erwähnt und die Umkleiden, durch die man zu einem lauschigen Plätzchen an der Ache gelangt, wenn man aus dem Fenster steigt.

Genau wie bei den Schreinern, haben auch die Bildhauer drei Klassen und jeweils ihren Fachlehrer, der sie bis zur Gesellenprüfung begleitet. Sie sind im Hoffischerhaus untergebracht. Das liegt auf der anderen Seite der Salzburger Straße, die einem quer durch die Schule führt. Wenn man Zeit schinden will, dann geht man vorschriftsmäßig vor zur Fußgängerampel; wenn es einem pressiert, weil Pause ist, rennt man einfach schnell darüber.

Im ältesten Teil des Gebäudes, ganz rechts, ist der Fachraum von Lutz Hesse untergebracht. Hierhin war die Schnitzschule 1871 aus dem Markt hinuntergezogen. In der Werkstatt hat jeder Schüler hat eine eigene Bildhauerbank, an der er arbeitet. Gerne werden sie mit persönlichen Zeichnungen, Postkarten und anderen Sachen geschmückt und werden so zu einer Inspirationsquelle. „Hier arbeite ich“, scheinen diese Dinge zu sagen.

Am anderen Ende des Ganges, am Drechselraum vorbei, in dem die Schülerinnen und Schüler einen Grundkurs im Drechseln bekommen, liegt der Modelllierraum. Es bedarf einiger Übung, um ein brauchbares Modell aufzubauen. Das Gerüst im Inneren, gleichwohl es nur aus Draht und Holz besteht, muss der späteren Form schon genau entsprechen. Dann erst kann mit Ton die Figur oder Skulptur aufgebaut werden. Der weiche Ton ist wesentlich geduldiger, als das harte Holz. Bei ihm kann man bei Bedarf wieder etwas dazu tun, was beim Holz nicht mehr möglich ist. Das Modellieren ist eine Sache, die Umsetzung ins Holz eine ganz andere und viel Können und Erfahrung ist hierfür notwendig. Kleinere Modelle werden nebenan im Ofen gebrannt und im Gipsraum lernen die angehenden Bildhauerinnen und Bildhauer, wie man eine Gipsform herstellt. Das ist so eine Sache, in ein paar Sätzen nicht zu erklären und wenn man es nicht selber gemacht hat, versteht man es sowieso nicht so ganz.

Geht man die Treppe hinauf, liegt rechts der Fachraum von Hannes Stellner. Auf den Fensterbrettern, mit dem schönen Blick in die Berge, liegen die genähten Werkzeugtaschen, in denen die Bildhauereisen aufbewahrt werden. Sie sind das wichtigste Werkzeug, wobei die Kettensäge inzwischen oft das Schnitzeisen ergänzt. Die vielen kleinen Holzfiguren, die überall herumstehen, springen ins Auge. Sie sind wie die Skizzen eines Malers Bewegungsstudien, die schnell anzufertigen sind und sehr lehrreich, was Proportionen und Bewegung anbelangt.

Den schönsten Werkraum hat Walter Ziegler. Denn er hat einen Holzfußboden, auf dem Generationen von Schnitzschülern schon gemütlich gesessen sind, bis der Fachlehrer wieder ins Zimmer kam und sie eilig aufsprangen, um weiterzuschnitzen. Die Schreiner müssen während der Ausbildung einen Schnitzkurs machen und die Schnitzer einen Schreinerkurs.

Gemalt, gezeichnet und gefasst wird unterm Dach. Hier ist das Reich von Petra Garbe. An einem Ende wird gezeichnet und hier finden auch die angebotenen Aktzeichenkurse statt. Die Druckerpresse ist in einem schmalen Zimmer an der Seite untergebracht. Radierungen und Holzschnitte anzufertigen gehören ebenso zur Ausbildung, wie das Fassen von Figuren. Zunächst wird ein Kreidegrund auf die Figuren aufgetragen und anschließend im Zimmer von Petra Grabe, eigentlich müsste es Atelier heißen, werden sie farblich oder in Gold oder Silber gefasst. Der Blick durch die großen Fenster geht dabei hinaus auf den Watzmann. Angesichts dieses Ausblicks sollte die Arbeit ganz leicht von der Hand gehen. Nur ist das Blattgold derartig dünn, dass es schon einiges an Fingerspitzengefühl bedarf, es heil auf die Figuren zu bekommen.

Weil gerade vom Gold die Rede ist. Der ewige und längst abgenutzte Spruch vom Handwerk und seinem goldenen Boden soll an dieser Stelle nicht wieder strapaziert werden. Allerdings darf man schon etwas provokant die Frage in den Raum stellen, ob eine Ausbildung, wie sie an der Schnitzschule gegeben wird, überhaupt noch zeitgemäß ist.
Wenn mit zeitgemäß gemeint wird, dass eine schnelle, kostengünstige Massenproduktion angestrebt wird, dann hat die Realität die Schule schon längst überholt. Ist damit aber ein handwerkliches, sauberes Arbeiten gemeint, das einfach deswegen seinen Preis hat, weil es wirkliche Lebenszeit ist, die in das Herstellen der Dinge gelegt wurde, dann ist die Schnitzschule sicher auf der Höhe seiner Zeit.

Denn darum geht es vielleicht überhaupt, die Zeit seines Lebens zu wirklicher Lebenszeit zu machen. Jeder, der auf der Schnitzschule war und eine Zeit seines Lebens hier verbracht hat, hat für seine Lebenszeit viel gelernt. Das ist es, was diese Schule so wichtig macht und was ihre Einzigartigkeit ausmacht. Zum Handwerk gehört auch das Herz. Und wenn man ganz still steht, mitten zwischen dem Holz, den Werkzeugen, den Schülerinnen und Schülern und den Lehrern, dann hört man es hier ganz deutlich schlagen - den Herzschlag des Holzes. 

Die Schule im Detail

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